„Wer hat, dem wird gegeben“ (Mt 25,29) – Der Matthäus – Effekt
In der Lernpsychologie und hirnbiologischen Forschung gibt es den Begriff des „Matthäus – Effekts“. Dieser bezieht sich auf das obige Zitat aus dem Matthäus – Evangelium, das sich in dem biblischen Gleichnis, dem es entnommen ist, natürlich nicht auf das Lernen oder den Lernerfolg bezieht, sondern auf den persönlichen Glauben eines jeden Menschen. Weitere Informationen zu dem Begriff „Matthäus - Effekt“ kann man hier erhalten.
Der Matthäus – Effekt in der Lernpsychologie
Im Zusammenhang mit dem Lernen wird durch diesen Effekt die Bedeutung des Vorwissens für die Aufnahme neuen Wissens beschrieben. Wenn in unser Gehirn neue Informationen kommen, ist es für die Aufnahme und das Behalten entscheidend, ob und wie viele Anknüpfungspunkte für die neuen Wissensinhalte im Gehirn bereits vorhanden sind. Je mehr Wissen über ein Thema vorhanden ist, desto besser können neue Informationen angedockt werden. Dadurch werden sie besser verstanden und behalten. Bestehen wenige oder keine Anknüpfungspunkte, also kaum oder kein Vorwissen, dann fällt das neue Wissen, bildlich gesprochen, durch die Strukturen unses Gehirns durch. Weitere Informationen darüber können Sie hier finden.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung der Bedeutung des Vorwissens
Vielleicht können wir das mit einem einfachen Beispiel verdeutlichen. Wir schauen uns zwei Situationen an, in denen jeweils eine historische Persönlichkeit religiöse Elemente zur Legitimation der Herrschaft benutzte.
Zunächst besprechen wir Wu Zetian, die es unter dem chinesischen Kaiser Gaozong schaffte, die erste Frau an der Seite des Herrschers zu werden. Nach dessen Tod übernahm sie die Regentschaft im Namen verschiedener Kindkaiser. Da allerdings die konfuzianisch geprägten Hofadligen die Herrschaft einer Frau nicht akzeptieren wollten, versuchte sie, mit der Einführung des Buddhismus ihre Herrschaft zu legitimieren. Dort hatte sie nämlich Elemente entdeckt, die zugunsten einer weiblichen Herrschaftsausübung interpretiert werden konnten. Als sie allerdings eine riesenhafte Buddhastatue aufstellen lassen wollte, schlossen sich die Hofadligen zusammen und zwangen die Kaiserin im Jahre 705 n. Chr. Zur Abdankung.
Als zweites Beispiel setzen wir uns mit Oktavian, dem späteren Kaiser Augustus, auseinander. Er war der Adoptivsohn von Gaius Julius Caesar und hatte damit das Recht, dessen Namen zu führen. Nach Caesars Ermordung im Jahr 44 v. Chr. trieb Oktavian die Vergöttlichung seines Adoptivvaters voran. Nachdem Caesar schließlich kraft eines Senatsbeschlusses zum Gott erhoben worden war, konnte sich Oktavian in aller Bescheidenheit „Gaius Julius Caesar divi filius (Sohn eines Gottes) nennen. Im Kampf um die Unterstützung der Soldaten seines Adoptivvaters und um die der römischen Bürger ein geschickter Propagandatrick.
Nun zur Auswertung der beiden Geschichten
Wir haben beide Male zwei Persönlichkeiten, ein Datum und den Versuch die eigene Herrschaft religiös zu legitimieren. Allerdings werden die meisten von uns beim Beispiel aus der chinesischen Geschichte kaum Anknüpfungspunkte im Gehirn haben, weil wir über die chinesische Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts wenig oder kein Vorwissen haben. Bei dem Beispiel aus der römischen Geschichte können wir uns stattdessen an Gaius Julius Caesar und die Eroberung Galliens erinnern, wir wissen, dass Oktavian von ihm adoptiert wurde, wir kennen Caesars Machtstreben, seine Ermordung durch die Republikaner um Cassius und Brutus, die dann 42 v. Chr. in der Schlacht bei Philippi von den Anhängern Caesars, Markus Antonius und Oktavian, geschlagen wurden, uns kommt dann noch in den Sinn, wie Oktavian 31 v. Chr. Markus Antonius besiegte und schließlich 27 v. Chr. durch den Senat die Machtfülle erhielt, die letztendlich die Grundlage des Prinzipats und römischen Kaisertums wurde.
Demzufolge werden wir uns auch Details über Augustus, die wir bisher noch nicht kannten, besser merken und leichter verarbeiten können. Uns wird also, ganz im Sinne des Zitats aus dem Matthäus – Evangelium, neues Wissen leichter gegeben, weil wir schon Wissen haben.
Der Matthäus - Effekt im Geschichtsunterricht
Wenn wir nun an die Schülerinnen und Schüler denken, für die ja auch die römische Antike oder das Mittelalter oder auch die neuzeitliche Geschichte vor der Behandlung im Unterricht meist ein ähnlich unbestelltes Feld ist wie bei uns die chinesische Geschichte, dann wird deutlich, wie bereichernd und wichtig für historisches Lernen das Schaffen von Vorwissen ist. Für weitere Informationen zu dieser Thematik kann man hier klicken.
Dieses wichtige Vorwissen können sich die Schülerinnen und Schüler durch die Materialien in diesen drei Bänden „Überblickswissen Geschichte – aktiv erarbeiten“ gut aufbauen, da die Texte und Aufgaben so gestellt sind, dass sie ohne Vorwissen schon vor der Durchnahme des Zeitraums im Unterricht eingesetzt werden können. Dadurch werden die Anknüpfungspunkte geschaffen, mit denen dann die Inhalte der darauffolgenden Unterrichtssequenz verbunden werden. Zudem werden natürlich auch die Aspekte des Überblickswissens durch den Geschichtsunterricht weiter vertieft, wodurch sie wieder besser behalten, verstanden und verarbeitet werden können. Über diesen Zusammenhang finden Sie hier und hier noch weitere Informationen.
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